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Pythia

Angesichts der Tatsache, dass das Orakel von Delphi mindestens ein Jahrtausend bestanden hatte, ist klar, dass es "die" Pythia nicht gab. Vielmehr waren während seiner Blütezeit immer mehrere Pythien gleichzeitig im Amt. Man wählte dazu junge, jungfräuliche Mädchen aus dem Volk um das 15. Lebensjahr. Später wurden sie von Frauen reiferen Alters abgelöst, weil sich die zarten Schönheiten nach mehreren Übergriffen nicht mehr in ihrer Haut sicher fühlten.

Der Ritus, bevor es zur Weissagung kam, war kompliziert und ausgeklügelt.
"Geleitet von zwei Priestern begab sich die Pythia zunächst zur heiligen Quelle Kastalia, wo sie nackt ein reinigendes Bad nahm. Von einer zweiten Quelle, jener von Kassotis, trank die Seherin sodann einige Schlucke heiligen Wassers. In Begleitung von zwei Oberpriestern und den Hoisoi, den Mitgliedern des "Fünfmännerrates" des Orakels, ging die Pythia anschließend in den Apollon-Tempel.
Um die Zustimmung des Gottes zum Orakel zu erfahren, bedurfte es jetzt noch eines Omens. Ein Oberpriester besprengte ein Zicklein mit eisigem Wasser. Blieb es ruhig, fiel das Orakel an diesem Tag aus, und die Klientel musste sich einen weiteren Monat gedulden. Zuckte es zusammen, dann wurde es als Opfertier geschlachtet und auf dem Altar verbrannt. [...] Die Pythia wurde jetzt vor den Altar der Hestia geführt, auf dem aus einem Fichtenholzfeuer berauschender Qualm aufstieg. Hier wurden Weihrauch, Laudanum, Bilsenkraut und anderes halluzinogenes Räucherwerk verschwelt. Die Pythia inhalierte den Qualm und versank in Trance. Zwei Priester fassten sie an den Oberarmen, brachten sie ins Adyton, die etwas vertiefte eigentliche Orakelzelle mit nacktem Erdboden, und setzten sie auf den berühmten dreibeinigen hohen Hocker, von dem sie - sogar halb betäubt - nicht herunterfallen konnte, da er eine tiefe Sitzmulde besaß." (Felix R. Paturi, Die großen Rätsel unserer Welt)
Ein weitverbreiteter Irrglaube ist es, dass die Pythia über einer Erdspalte saß, aus der berauschende Dämpfe austraten. Das war definitiv nicht der Fall. Es kann schon aus geologischen Gründen in diesem Gebiet keine Erdspalte entstehen. Wahrscheinlich ist es mehr symbolisch verwirklicht worden - in Form einer kleinen Aushöhlung, die als Mittel zur Kontaktierung von Ge, der Erdgöttin, angesehen wurde.
In dieser Trance beantwortete die Seherin Orakelfragen. Weil es sich hierbei um eine anstrengende Arbeit handelte, wurde sie nach einigen Stunden abgelöst. Da der Andrang meist sehr groß war, blieb ein ausführliches Orakel nur gehobenen Gästen mit reichliche Geschenken vorbehalten, die meisten anderen Leute mussten sich mit einem Binärorakel ("Ja" / "Nein") zufrieden geben. Hierbei wurde aus einem Korb mit weißen und schwarzen Bohnen zufällig eine gezogen - die Wahrscheinlichkeit, dass die richtige Antwort gegeben wurde, lag also exakt bei 50 %.

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